Zwischen Gesundheitsreform und spiritueller Anamnese

1.100 Teilnehmer beim ersten Christlichen Gesundheitskongress in Kassel

Von Frank Fornaçon (Kassel)

"Kommst du auch mit nach Kassel?" Fast jeder Dritte, der am ersten deutschlandweiten Christlichen Gesundheitskongress teilnahm, wurde von Freunden, Kollegen und Bekannten eingeladen. Daher reisten die meisten der insgesamt etwa 1.100 Teilnehmer auch nicht allein zu dem vom 27.-29.3.2008 tagenden Treffen nach Kassel an. Das Thema "Beauftragt zu heilen - in Beruf, Gemeinde und Gesellschaft" zog dabei besonders viele Fachleute aus dem Gesundheitswesen an.

Spiritualität ist wieder ein Thema

Der Vorsitzende von "Christen im Gesundheitswesen", der Hamburger Internist Georg Schiffner, wies in seinem Eröffnungsreferat darauf hin, dass die Einbeziehung der spirituellen Dimension des Menschen in die Pflege, Therapie und Medizin wieder zum Thema geworden sei. "Deshalb sind christliche Gemeinden in einer neuen Weise gefragt, im Zusammenwirken mit professionellen Gesundheitsdiensten aktiv zu einer christlich-ganzheitlichen Fürsorge für kranke Menschen beizutragen." Schiffner forderte dazu auf, in die Diagnose eine "spirituelle Anamnese" aufzunehmen. Es sei wichtig zu fragen, worauf die Patienten ihre Hoffnung setzten und woraus sie Kraft schöpften.

Gegenüber den vielen Medizinern, Pflegern und Therapeuten blieb die Teilnahme von Theologen und ehrenamtlich mit der Thematik befassten Gemeindemitarbeitern hinter den Erwartungen der Veranstalter zurück. Anscheinend sind im Gesundheitswesen Tätige stärker am christlichen Heilungsauftrag und an der spirituellen Dimension von Gesundheit und Krankheit interessiert als Theologen und Gemeindeglieder.

Ermutigung für Gesundheitsmitarbeiter

Diakonie und Caritas gehören zu den größten Arbeitgebern in Deutschland. Auch wenn sie vielfach in kleinen und mittleren Einrichtungen arbeiten, sind die Mitarbeiter Teil eines großen Netzwerkes christlicher Gesundheitseinstitutionen. Allein 300.000 Beschäftigte zählen die Krankenhäuser in kirchlicher Trägerschaft. Jedes dritte Krankenhaus ist dem Auftrag der Kirchen verpflichtet, nicht nur gute Medizin und Pflege zu bieten, sondern auch etwas von der Liebe Gottes sichtbar zu machen.

Das ist in einem immer engeren finanziellen Korsett, mit immer kürzerer Verweildauer, weniger Personal und wachsender privater Konkurrenz am Gesundheitsmarkt keine leichte Aufgabe. Darauf machten die beiden den Kongress unterstützenden konfessionellen Krankenhausverbände (Deutscher Evangelischer Krankenhausverband und Katholischer Krankenhausverband Deutschlands) aufmerksam. Ein christlicher Gesundheitskongress könnte daher ein hilfreicher Schritt dazu gewesen sein, die christlich motivierten Mitarbeiter im Gesundheitswesen zu ermutigen. Und das nicht nur in Diakonie und Caritas: Oft sind auch in Häusern nichtkirchlicher Träger engagierte Christen tätig, die aus innerer Berufung diese Aufgabe gewählt haben.

Das Ziel ist Teilhabe an der Gemeinschaft

Eine spannende Frage war es, wie die medizinisch arbeitenden Christen auf die These reagieren würden, dass die Kirche selbst heilend tätig sein soll. Würde dadurch nicht die klassische Rollenverteilung zwischen Arzt und Geistlichem auf fahrlässige Weise aufgehoben werden? Sorgen bereitete manchen Beobachtern im Vorfeld auch der Gedanke, der Kongress könne einer christlichen Gesundbeterei das Wort reden. Vor allem am Rand der Kirchen treten immer wieder Wunderheiler in Erscheinung, deren Idee so einfach wie falsch ist: "Wenn du nur genug glaubst, dann wirst du gesund!"

Von solchen Heilern war in Kassel nichts zu sehen. Vielmehr wurde immer wieder betont, dass Gesundheit nicht das höchste Gut sei und dass die Zuwendung Jesu zu kranken Menschen nicht immer auf die körperliche Gesundung hinauslaufe. Dr. Peter Bartmann (Berlin) vom Diakonischen Werk der EKD forderte, auf ein vereinfachendes Schwarz-Weiß-Denken zu verzichten. Es gehe bei den Heilungen Jesu nie darum, den perfekten Menschen zu schaffen, sondern Menschen die Teilhabe an der Gemeinschaft zu ermöglichen. Das erfordere manchmal die Heilung einer Krankheit, oft aber vor allem die integrativen Fähigkeiten der Kirche. Die Gemeinde könne viel dazu beitragen, dass auch chronisch kranke und behinderte Menschen in ihr ein Zuhause fänden.

Glaube und Gesundheit

Dass der Glaube eine hohe therapeutische und vor allem präventive Bedeutung hat, legte das Grundsatzreferat des amerikanischen Mediziners Dale A. Matthews (Washington D.C.) nahe, der umfangreiches statistisches Material aus den USA vorstellte. Zahlreiche empirische Studien hätten gezeigt, dass vor allem der praktizierte christliche Glaube einen positiven Einfluss auf die Gesundheit habe. Das gelte zum Beispiel auch bei der Rehabilitation von Herzpatienten, die bei denen wesentlich günstiger verliefe, die beten oder für die gebetet werde.

Für deutsche Verhältnisse liegen allerdings noch kaum vergleichbare Untersuchungen vor. Während die Kongressveranstalter die Bedeutung der Forschungsergebnisse zum Zusammenhang von Glaube und Gesundheit hervorhoben, wurden die entsprechenden Angebote im Seminarprogramm wenig nachgefragt. Mehrere Referenten des Kongresses wiesen auch darauf hin, dass zwischen gesundheitsfördernden und krankmachenden Glaubensmodellen unterschieden werden müsse.

Allerdings kann sich auch der Transzendenz-Verlust auf die Gesundheit auswirken. Der Religionspsychologe und Theologe Paul M. Zulehner (Wien) zeigte sich davon überzeugt, dass die Vertröstung des modernen Menschen auf das Diesseits krank mache. Wer den Himmel auf Erden verspreche, überfordere den Menschen und trage zur Entstehung diffuser Ängste bei. Zulehner: "Die moderne Gottesentfremdung ist die letzte Quelle der Krankheit."

Der Psychiater und Psychotherapeut Martin Grabe (Oberursel) gab den Kongressteilnehmern Empfehlungen mit auf den Weg, die ein Burnout verhindern könnten. Er beobachte gerade bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen zunehmende seelische Probleme. Wachsende Sorge um den Arbeitsplatz und ein zunehmender Leistungsdruck, verbunden mit dem Wunsch nach Anerkennung, stünden hinter dem Ausbrennen vieler Mitarbeiter. Er empfahl unter anderem die Pflege von Freundschaften und "einen Schuss Spielerisches bei der Arbeit". Auch der Glaube an Gott habe hier seine wichtige Bedeutung: "Wo Menschen gelernt haben, die Vergebung Gottes in Anspruch zu nehmen, ermöglicht das ein Leben in dem Bewusstsein, dass diese höchste Instanz uns anerkennt und mag."

Weitere Impulse

Sehr gut besucht waren Seminare, in denen Modelle vorgestellt wurden, wie Gemeinden Fürbitte und Segnung einsetzen können, um kranken Menschen zu helfen. Die Anregungen wurden mit einem Angebot der persönlichen Segnung am Freitagabend gleich in die Praxis umgesetzt. Viele Teilnehmer ließen sich in eigenen Gesundheitsproblemen oder auch für ihre berufliche Tätigkeit segnen.

Am Rande des Kongresses kam immer wieder die schwierige wirtschaftliche Lage im Gesundheitswesen zur Sprache. Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Hans Jürgen Ahrens (Bonn), appellierte an die Teilnehmer, Solidarität und Eigenverantwortung nicht gegeneinander auszuspielen.

Der Ökonom und Zukunftsforscher Leo A. Nefiodow (Bonn) betonte die weiter steigende Bedeutung des Gesundheitssektors, der zur Wachstumslokomotive der Volkswirtschaft werde. Die Kirchen seien dazu aufgerufen, den Gesundheitsbereich mit zu prägen. Eine häufig übersehene Krankheitsursache sei verweigerte Nächstenliebe, deren Folgekrankheiten zu enormen Kosten führten.

Im kulturellen Rahmenprogramm traten unter anderem die Tanztherapeutin Andrea du Bois (Oberursel) und das Musikerehepaar Andrea Adams-Frey und Albert Frey (Ravensburg) auf. Die beiden Präventivmediziner Gerd und Kirsten Schnack (Allensbach) sorgten für auflockernde Bewegung.

Fazit der Veranstalter

Die Geschäftsführer der beiden Kongressveranstalter, Günther Gundlach (Christen im Gesundheitswesen e.V.) und Lorenz Reithmeier (Geistliche Gemeinde-Erneuerung in der Evangelischen Kirche e.V.; beide Hamburg), werteten den ersten Christlichen Gesundheitskongress als erfolgreichen Beginn. Die positiven Erfahrungen der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Trägerorganisationen sowie die gute Teilnehmerresonanz legten eine Fortsetzung nahe.