
Die Weltgesundheitsorganisation hat 1997 ihre bekannte Gesundheitsdefinition von 1948 um die spirituelle Dimension erweitert: „Gesundheit ist ein dynamischer Zustand vollständigen physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Wohlbefindens und nicht allein die Abwesenheit von Krankheit oder Gebrechen.“. Sie ist damit den Forschungsergebnissen der letzten 30 Jahre gefolgt, die eine positiv gelebte Spiritualität als wichtigen Gesundheitsfaktor sowie als Hilfe in Krankheits- und Leiderfahrung herausstellen.
Entsprechend finden sich heute an zahlreichen medizinischen Universitäten der USA Vorlesungen zum Thema „Spiritualität und Gesundheit“. Auch in Deutschland zeigen sich Umsetzungen der erweiterten WHO-Gesundheitsdefinition z.B. in der Palliativmedizin und der Hospizbewegung, in der die Bedeutung der spirituellen Dimension ausdrücklich benannt wird. Hier ist das Zusammenwirken von Pflege, Therapie und Medizin mit Seelsorge und gemeindlich-ehrenamtlichen Diensten bereits Realität. Doch sollte dies nur Bedeutung haben für die letzte Lebensphase des Menschen? Sind es nicht ähnliche Grundthemen, die jeden schwerer erkrankten Menschen bewegen – und nicht zuletzt aus der Perspektive der Gesundheitsforschung jeden Menschen herausfordern?
Viele Leitbilder in Einrichtungen des Gesundheitswesens formulieren den Anspruch einer den ganzen Menschen umfassenden Pflege, Therapie und Medizin mit Worten wie: “Bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt.“. Im Alltag scheint es jedoch schwer zu sein, dieses umfassende Krankheits- und Gesundheitsverständnis in unserem unter großem ökonomischen Druck stehenden Gesundheitswesen in die Praxis um zu setzen. Die Leitbild-Ergänzung: “Das christliche Menschenbild ist Grundlage unserer Arbeit.“ weist auf den kirchlichen Hintergrund einer Einrichtung hin. Gerade auch angesichts der großen Bedeutung von Diakonie und Caritas steht die Frage im Raum, was dies konkret bedeutet: behandeln und pflegen auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes, heilkundlich arbeiten mit christlicher Fundierung?
Es hat fast hundert Jahre gedauert, bis die Psychosomatik in der Medizin als grundlegend wichtige Horizonterweiterung allgemein akzeptiert wurde. Der gegenwärtige Prozess einer nochmaligen Horizonterweiterung um die spirituelle Dimension wird ebenfalls Zeit benötigen. Er fordert die christlichen Kirchen zur Mitgestaltung heraus zu einem Zeitpunkt, wo diese weltweit den christlichen Heilungsauftrag wieder stärker thematisieren – und wo bereits fernöstlich-religiöse und esoterische Bewegungen begonnen haben, einen „spirituellen Heilungsmarkt“ zu etablieren.
In Erweiterung einer Definition der Psychosomatik (Bräutigam, Psychosomatische Medizin, 1992) beschäftigt sich die Spiritu-Psychosomatik mit den gegenseitigen Beziehungen von körperlichen, seelischen und spirituellen Vorgängen, die den Menschen in engem Zusammenhang mit seiner Umwelt, den Mitmenschen und der Transzendenz begreift. Spätestens bei der Frage nach der Transzendenz des Menschen betreten wir eindeutig weltanschaulich-religiösen Boden. Trotz mancher Gemeinsamkeiten weisen die Religionen gravierende Differenzen auf, die sich in konkret benennbaren, unterschiedlichen Menschenbildern äußern.
Deshalb ist es nicht nur lauter sondern notwendig, in der Spiritu-Psychosomatik das der jeweiligen Heilkunde zugrunde liegende Menschenbild zu benennen – wie es in der Traditionellen Chinesischen Medizin (Daoismus), Ayurveda (Hinduismus) oder Anthroposophischen Medizin (Anthroposophie) auch getan wird. Es empfiehlt sich daher, eine auf dem christlichen Menschenbild basierende Spiritu-Psychosomatik als christlich fundierte Heilkunde zu benennen.
In der Öffentlichkeit jedenfalls werden die Möglichkeiten einer ganzheitlichen Heilkunde basierend auf dem christlichen Menschenbild noch zu wenig wahrgenommen. Wie ist es sonst zu erklären, dass z.B. zu dem Symposium „Menschenbild und Medizin“ (Einladung durch die Bundesärztekammer im Sept. 2004) Vertreter verschiedener Heilkunden angefragt wurden, u.a. der Anthroposophischen Medizin, Traditionell Chinesischen Medizin, Ayurveda und der Schulmedizin – aber nicht Vertreter einer christlich fundierten Heilkunde? Oder ist die Schulmedizin im „christlichen Abendland“ per se eine christliche Heilkunde?
Das deutsche Wort Heilkunde (lat. Medizin) weist in seiner tieferen Bedeutung bereits auf die Frage von Lebenserfüllung und Transzendenz hin: die Kunde vom Heil. Hierzu hat der christliche Glaube originär Wesentliches beizutragen.
Eine Heilkunde fasst unterschiedliche Heilmethoden zusammen, die auf dem Boden desselben Menschenbildes eingesetzt werden. In einer christlich fundierten Heilkunde arbeiten Mitarbeiter aus Pflege, Therapie und Medizin zusammen mit Mitarbeitern aus pastoralen, seelsorgerlichen und heilenden gemeindlichen Diensten. Eine christliche Heilkunde fördert dieses enge Zusammenwirken von Gesundheitswesen und Kirche, von Christen professioneller Gesundheitsberufe mit Mitarbeitern christlicher Gemeinden. Für die zunehmende Erfahrung von Begrenzung im etablierten Gesundheitswesen ist die Erweiterung um die spirituellen und psychosozialen Möglichkeiten christlicher Gemeinden eine große Chance im Sinne einer ganzheitlichen Hilfe für Kranke.
Körperliche Behandlungen, psychosoziale Hilfen und geistliche Heilungsprozesse wirken in einer christlich fundierten Heilkunde zusammen (s.Abb.) Dies geschieht in einer Atmosphäre der Glaubwürdigkeit, Annahme und Wertschätzung, Sensibilität und Freiheit. Hintergrunddienste wie Fürbitte-, Organisations-, Gestaltungs- und Versorgungsdienste tragen dazu bei, dass Menschen sich für Veränderungs- und Heilungsprozesse öffnen. Beispielhaft seien genannt: Raumgestaltung durch künstlerisch-kreative Elemente mit heilsamen (christlichen) Motiven, gastfreundliche Bewirtung, Auslage hilfreicher (christlicher) Literatur in Wartezonen…
Das Profil einer christlich fundierten Heilkunde zeigt die enorme Bedeutung des Zusammenwirkens der unterschiedlichen Professionen und Begabungen im Team auf. Grundsätzlich sind diese gleichwertig: Der Dienst des Chirurgen im OP ist nicht „bedeutsamer“ als der des Seelsorgers am Krankenbett, das Engagement des Beters im gemeindlichen Heilungsdienst nicht „wertvoller“ als das der Altenpflegerin im ambulanten Pflegedienst, die psychotherapeutische Behandlung nicht „wichtiger“ als die intensive Fürbitte im Hintergrund. Jeder Einsatz im Sinne der Christlichen Heilkunde ist originär und sollte mit ganzem fachlichem Können und Hingabe erfolgen.
Die Spezifität einer christlich fundierten Heilkunde begründet sich in der Gottesbeziehung, wie sie uns durch Jesus Christus ermöglicht wird. Diese prägt die innere Haltung des Mitarbeiters und damit die Art der Zuwendung zum Kranken. Patienten bekommen dadurch die Möglichkeit, Gottes Segen in besonderer Weise erfahren zu können - nicht nur in einer durch geistliche Begleitung vermittelten „Gotteserfahrung“, sondern auch in der „Fremderfahrung“ einer Operation oder der „Selbsterfahrung“ einer Psychotherapie.
Darüber hinaus sind in der Geschichte der Kirche „spezifische Elemente“ einer christlich fundierten Heilkunde entstanden, die meist im Kontext christlicher Gemeinden und Gemeinschaften erfahrbar werden. Sie bedürfen gesonderter Beachtung und Entfaltung in einer christlichen Heilkunde. Nebenstehend werden die einzelnen Elemente kurz benannt, wobei ihre Aufzählung und beispielhafte Erläuterung keineswegs Vollständigkeit beansprucht, sondern einen Einblick in ihre Vielfalt ermöglichen möchte.
Die stärkere Einbeziehung der christlichen Gemeinden und Gemeinschaften in Gesundheitsdienste ist von großer Bedeutung, damit Glaube und Medizin zum Wohle des erkrankten Menschen wieder zusammenfinden. Sicher braucht es noch weitere Reflexionen, Schulungen und modellhafte Erfahrensräume, um mit den beschriebenen Elementen heilender Dienste vertrauter zu werden.
Damit die Vision einer christlich fundierten Heilkunde mehr und mehr erfahrbar wird, brauchen wir Mitarbeiter sowohl aus Gesundheitswesen wie aus Gemeinden, die – aufbauend auf den Errungenschaften moderner Medizin und dem kirchlichen Glaubens- und Erfahrungsreichtum –neue Formen des Zusammenwirkens in die heutige Gesellschaft einbringen. Dabei wird Pioniergeist wichtig sein, wie ihn Christen im Aufbau diakonischer und karitativer Einrichtungen durch die Jahrhunderte immer wieder gezeigt haben - und letztlich das feste Vertrauen, dass Gott zu jeder Zeit Menschen ruft, in die aktuelle gesellschaftliche Situation hinein im Geist Jesu Christi heilend tätig zu sein. So bleibt die Einladung an uns persönlich, (neu) auf die Entdeckungsreise einer christlich fundierten Heilkunde zu gehen. Sie ist nicht nur ein Angebot besonderer Hilfe für kranke Menschen, sondern genauso auch für uns als Mitarbeitende in Gesundheitsberufen und Gemeinden.
Zusammenfassung:
Christliche Heilkunde befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen körperlicher, psychischer, sozialer und spiritueller Dimension des Menschen und ermöglicht auf dem Boden des christlichen Menschenbildes umfassende Beschwerdelinderung und ganzheitliche Heilungsprozesse. Sie versteht sich als Spiritu-Psychosomatik nach dem christlichen Menschenbild.
Körperliche Behandlungen, psychosoziale Hilfen und geistliche Heilungsprozesse wirken in einer christlich fundierten Heilkunde zusammen. Dies geschieht in einer Atmosphäre der Glaubwürdigkeit, Annahme und Wertschätzung, Sensibilität und Freiheit.
Eine christlich fundierte Heilkunde betont die Arbeit im Team mit der nur so möglichen Vielfalt an Professionen und Begabungen, die sich gegenseitig ergänzen. Sie fördert das enge Zusammenwirken von Christen professioneller Gesundheitsberufe mit Mitarbeitern christlicher Gemeinden. Hierbei können Kirchengemeinden und geistliche Gemeinschaften den im Laufe der Kirchengeschichte gewachsenen Reichtum spezifischer Angebote für kranke (und „gesunde“) Menschen einbringen.
(Weiterführende Literatur siehe verschiedene Publikationen von Christen im Gesundheitswesen)
Einige „spezifische Elemente“ einer christlich fundierten Heilkunde (mit beispielhafter Erläuterung):
· Anbetung Gottes
o sich ausrichten auf die „Quelle des Lebens“
o in liturgischen oder freien Formen
o mit älteren oder neueren Liedern
o mit Musik, Kunst, kreativer Gestaltung oder schlichtem Gebet
· Agape-Gemeinschaft
o Mitleben in heilender christlicher Gemeinschaft
o erfahrbar z.B. in christlichen Hauskreisen, Zellgruppen, Besuchsdiensten, intensiver Gottesdienstgemeinschaft
· Christlich-ganzheitliche Sicht der Krankengeschichte
o diagnostische, therapeutische, prognostische Vorgaben reflektieren
o Krankheitsverläufe und –krisen verstehen helfen mit ihren somatischen, psychosozialen und spirituellen Aspekten
o Zusammenschau als Spiritu-Psychosomatik:
Bedeutungskoppelungen? Lebensthemen? Heilungsprozesse?
· Gottes Wort
o es vermittelt umfassendes Heilwerden in der Beziehung zu Jesus
Christus: Vergebung, Trost, Frieden, Glauben, Zuversicht...
o Gottes Wort aufnehmen durch die Heilige Schrift, Predigt, Liturgie, Hörendes Gebet, verschiedene Geistesgaben
· Einübung in die Wahrnehmung
o Wahrnehmung von Körper - Seele – Geist, von Gott und Schöpfung
o vielfältige Formen christlicher Meditation
o christlicher Tanz, “soaking-prayer“
o therapeutische Formen wie Bibliodrama, spirituelle Gestaltungstherapie
· Gesundheitsfördernder Lebensstil
o Stärkung des „Gesunden“ nach christlich-ganzheitlichen Maßstäben
· Fürbitte für den Kranken
· Seelsorge
o Versöhnung mit der Krankheitsbiografie - Krankheitsverarbeitung
o Heilungshindernisse erkennen und beseitigen helfen
o Finale Diagnose: Ziele und Berufungen klären („wozu?“)
o Biblisch trösten, Hilfen zur Leidverarbeitung
· Heilungsgebet und Krankensalbung
· Abendmahl / Eucharistie
o die Gegenwart des „Heilandes“ in besonderer Weise erfahren
· Pflegerisches, therapeutisches und ärztliches Handeln als „Werkzeug“ Gottes
o christliche Mitarbeiter im Gesundheitswesen stellen ihr Wissen und Können Gott zur Verfügung
o sie beten um Gelingen der Behandlungen, Ausbleiben mögl. Nebenwirkungen und Komplikationen sowie Gottes begleitenden Segen
o die christliche Gemeinde segnet und sendet Mitarbeiter im Gesundheitswesen für ihren Dienst
Christliche Sterbebegleitung und Trauerarbeit

Dr. med. Georg Schiffner, FA für Innere Medizin, Naturheilverfahren, Geriatrie und Palliativmedizin, Hamburg