Wertvoll für die Pflege: Das christliche Menschenbild

Christliche Werte und das christliche Menschenbild scheinen in unserer westlichen Gesellschaft kaum noch eine Rolle zu spielen. Die Kirchenaustritte nehmen zu, und es gibt schon große Landstriche ohne kirchliche Bindung in Deutschland. Welche Auswirkungen das Christliche Menschenbild im Alltag und Berufsleben von Pflegenden haben kann, sollen die folgenden gekürzten Ausführungen aufzeigen.


…Der Mensch definiert sich in der heutigen Gesellschaft oft nur noch über Leistung oder Status. Für viele Menschen bedeutet Krankheit oder Behinderung deshalb einen tiefen Einschnitt in  ihrem Selbstwertgefühl. Sie haben nicht mehr alles unter Kontrolle, sind eventuell (eine Zeit lang) auf Hilfe angewiesen und werden in der Gesellschaft an den Rand gedrängt.

Hier kann man auf der Grundlage des christlichen Menschenbildes dem Patienten vermitteln, dass er wertvoll ist, auch wenn er nicht mehr viel oder gar nichts mehr tun und leisten kann. Sein Wert ist nicht abhängig von dem, was sichtbar ist, was er produziert, sondern er hat seinen Wert von Gott her.

Jeder Mensch verdient Respekt und Achtung, und sollte auch so behandelt werden. Krankheit und Leid sind keine Strafe, sondern gehören zum Leben dazu, sie sollten nicht verdrängt werden. Und auch der alte, der ältere Mensch, ist wichtig und nicht nur ein Kostenfaktor (früher wurde diese Personengruppe als weise und klug erachtet). Älter werden mit und in Würde, sich nicht zu schämen, Hilfe anzunehmen, das könnte man einem Patienten versuchen zu vermitteln. Hierbei geht es auch darum zu lernen, seine Situation anzunehmen und damit zu leben.

In tiefen Krisensituationen, wo ein Mensch nach dem „Warum“ seiner Krankheit fragt, sein Leben aus den Fugen geraten ist, er vielleicht den Sinn seines bisherigen Lebens infrage stellt oder sich mit Leiden und Sterben auseinandersetzen muss, kann man als Christ, falls gewünscht, Antworten geben, die nicht mit dem Tod enden beziehungsweise Trost spenden und Hoffnung vermitteln.

Man sollte jedoch den Menschen nichts aufzwingen oder überstülpen, sondern ihn an dem Punkt abholen, wo er steht und individuell versuchen, auf jeden einzugehen. Hierbei geht es nicht um vorschnelle oder vorgefertigte Antworten, sondern Empathie ist gefragt. Wo ein Leben zu Ende geht, darf ein Mensch in Würde sterben, gerade weil der Tod nicht das letzte Wort haben wird! Ihn dabei liebevoll zu begleiten, ihm die letzten Stunden so angenehm wie möglich zu machen, vielleicht auch anbieten, mit ihm zu beten, sind wichtige Aufgaben in der Sterbebegleitung.

Der Mensch, ob als Patient, Angehöriger oder Kollege, ist keine Nummer, sondern ein individuelles Wesen. Er wird nicht nur auf seine Krankheit reduziert („Die Galle von Zimmer 8!“), sondern ist ein ganzheitliches Wesen.

Konsequenzen als Stationsleitung

Hier kann ich natürlich nur subjektiv berichten, wie ich versuche, das christliche Menschenbild in meiner Arbeit als Leitung zu leben. Ich möchte meine Mitarbeiter als Individuen, Persönlichkeiten sehen mit Bedürfnissen und Wünschen. Sie sind von Gott geliebt und angenommen.

Auch wenn ich sie kritisiere oder ihnen Unangenehmes mitteilen muss, möchte ich authentisch und ehrlich sein, ihnen nicht das Gefühl geben, sie seien nur dann „gute“ Pflegekräfte, wenn sie alles so machen, wie ich es mir vorstelle und möchte ihnen nicht vermitteln, sie seien nur wertvoll, wenn sie Leistung bringen.

Deshalb ist mir auch ihre Meinung wichtig, denn ich kann auch von ihnen lernen und profitieren. Wer seinen Nächsten liebt, ihn als Gottes Geschöpf sieht, wird nicht mobben oder schlecht über den anderen reden. Aber es gehört auch dazu, ehrlich und konsequent Probleme anzugehen, ohne dabei ungerecht oder hart zu sein. Konflikte sollten direkt und offen angegangen werden, nicht „hinten rum“, den anderen sollte man nicht als Gegner betrachten.

Kritikgespräche sind deshalb keine Gespräche „von oben“ herab, sondern sie sollten in sachlicher Atmosphäre geführt werden, und manchmal empfiehlt es sich auch, erst einmal die berühmte Nacht darüber zu schlafen.

Die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen sollte natürlich ebenfalls mit Respekt und Achtung geschehen. Mein Wert beziehe ich von Gott her, das heißt für mich, ich muss nicht immer Recht haben oder behalten, denn auch ich mache Fehler und sollte zu ihnen stehen.

Aber ich habe auch für mich und mein Umfeld (Familie) eine Verantwortung, sollte für meine Schwächen Verständnis haben und mich nicht zu sehr aufopfern (Stichwort „Helfer-Syndrom“). Jesus sagte einmal „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst“ (Matthäus 22, 39).

Das heißt, nur wer sich selber annehmen kann, und sich selber liebt (nicht narzisstisch), kann überhaupt authentisch und empathisch sein! Das ist die Grundlage dafür, sich auch selbst etwas Gutes zu tun und für sich, seinen Körper und seine Seele zu sorgen!

Es sei an dieser Stelle gesagt, dass sich theoretisch alles „schön“ anhört, aber in der Praxis schwer umzusetzen ist, nicht zuletzt, weil ja auch die Arbeitsbedingungen und die Personalsituation immer schlechter werden. Ich muss zugeben, ich komme oft an meine Grenzen und kann diesen Anspruch, den ich an mich stelle, nicht erfüllen. Auch werde ich immer wieder Fehler begehen, kann aber wieder neu anfangen. Deshalb sind eine gute Selbstreflexion und Kritikfähigkeit wichtig, immer weiter an sich zu arbeiten, ebenso das „Streiten“ und Engagieren für bessere Bedingungen.

Der Umgang mit den Patienten ist mir sehr wichtig, und ich möchte mit gutem Beispiel vorangehen. Zudem muss man sich auch kreativ eigene Freiräume schaffen und nie vergessen, die Mitarbeiter und man selber müssen nicht perfekt sein!

Fazit

Das christliche Menschenbild hat immer noch seine Berechtigung, gerade in einer Zeit, in der viel auf das Machbare und auf Selbstverwirklichung gesetzt wird. Durch eine Rückbesinnung auf christliche Werte in der Gesellschaft könnte es zu sichtbaren Veränderungen kommen. Man hätte wieder mehr das Allgemeinwohl im Blick und nicht so sehr sich selber beziehungsweise seinen Profit. Auch würde man Wertigkeit nicht ausschließlich über Leistung definieren. Auch gibt das christliche Menschenbild meiner Ansicht nach auf alle Lebenslagen Antworten und Hilfestellungen, es spricht mein Innerstes an, so angenommen zu werden, wie ich bin, auch mit meinen dunkeln Seiten.  

Vielleicht ist es mir ja gelungen, manche falschen Ansichten und Vorstellungen über den christlichen Glauben zu revidieren, und zu zeigen, welche „Vorteile“ der christliche Glaube haben kann. Damit sollen Menschen anderen Glaubens oder Atheisten nicht abgewertet werden, im Gegenteil, ich habe vor jedem Achtung, der seine Ansichten vertritt und lebt, solange er sie nicht anderen (mit Druck oder Gewalt) aufzwingen möchte. Auch habe ich viel von Menschen anderen Glaubens und mit anderen Ansichten gelernt.

Verfasser:

Jochen Blaich, Stationsleitung Klinikum Ludwigsburg Mit freundlicher Genehmigung von „Die Schwester / der Pfleger“, bibliomed-Verlag Melsungen

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