Heiles Leben auch im nicht unversehrten Körper
(Kassel) Gute Laune auf der Bühne, Begeisterung im Publikum. Der Gospelchor baseline aus Oldenburg in Oldenburg setzte einen fröhlichen Akzent beim zweiten Abend des Christlichen Gesundheitskongress am 23. März 2012 in Kassel. Fenster zum Leben – Schritte zur Heilung war der Abend überschrieben. Andrea Schneider fragte in ihrer Anmoderation, wie das Leben gelingen kann, wenn chronische Krankheit und Behinderung keine Heilung erwarten lassen. Eine Besonderheit: Viele der Mitwirkenden leben mit einem Handycap. Die Dirigentin des Chors rappt im Rollstuhl, die Moderatorin berichtet von ihrer MS Erkrankung, ein Gesprächsgast muss ohne Arme leben und eine Interviewpartnerin begleitet ihr dauerbeatmetes Kind zu Hause. „Das war ein entscheidender Impuls: Christen hoffen auf Heil aber erfülltes Leben ist nicht von körperlicher Unversehrtheit abhängig,“ meinte ein Besucher.
Die Präventologin Marlene von Kunhardt forderte eine Gebrauchsanweisung für den Menschen. „Viel früher müsste unseren Kindern die Bewegungsfreude beigebracht werden.“ Die Fachfrau für vorbeugende Gesundheitsfürsorge berichtete von eigenen Erfahrungen: Diagnose Krebs, Operation, Chemo folgten Schlag auf Schlag. Ihr Glaube half ihr, die schwierige Zeit zu überstehen. „Seitdem kann ich mein Leben erst richtig genießen.“
Bernd Hock, der eigentlich mit einer sprechenden Puppe Erwin auftritt war ohne seine Begleitung nach Kassel gekommen. Er selbst bezeichnet sich als Entertainer, der anderen Mut machen will. Körperlich ist der Hamburger Fernsehmoderator Hock behindert. Arme und Hände sind nicht ausgebildet. „Ich habe mit der Muttermilch eingesogen, zu lernen um Hilfe zu bitten.“ Hock berichtet davon, wie er angefangen hat nicht nur an Gott zu glauben, sondern Gott zu glauben. „Es ist wichtig, wie wir uns in die Katastrophe hineinbegeben.“ „Dank Gottes Hilfe führen wir ein weitgehend normales Leben“, erzählte Hock, dessen zweites Kind ebenfalls ohne Arme geboren wurde. „He loves me – Er liebt mich“ antwortete der Gospelchor.
Christiane Gerling (Hann Münden) berichteten aus der Sicht einer Mutter des 10jährigen Hannes, dessen Muskeln nicht funktionieren. Er ist beim Atmen und beim Schlucken auf maschinelle Hilfe angewiesen. „Als uns der Arzt 4 Monate nach der Geburt sagte, dass unser Junge, sagte, dass Hannes nicht lange leben würde“, berichtete die Mitarbeiterin der Geistlichen Gemeindeerneuerung. „Muss der Junge leiden?“ hatte sie den Arzt gefragt. Dass der Arzt ihr versprach, alles in seiner Macht stehende zu tun, um leiden zu verhindern, beruhigte sie ebenso, wie die Stationsärztin, die ihre Rolle als Ärztin verlies und die Mutter in den Arm nahm. 10 Jahre später ist Hannes als Rollstuhlfahrer im Kindergarten gewesen und besucht nun die Grundschule. „Ans Ende meiner Kraft komme ich oft – genauso wie jeder, dem die Anforderungen einer Familie manchmal zu viel wird.“ Christine Gerling hat erfahren, dass Menschen für Hannes gebetet haben. Das abendliche Gebet mit ihren beiden Söhnen, sei oft dadurch gekennzeichnet, dass sie dankbar ist und sagen kann: „Dieses Leben ist gut“.
Barbara Lins, Tänzerin aus Meiningen, zeigte in einem Tanz den Ernst des Lebens. Sie unterstrich dabei die Dramatik, die ein Leben kennzeichnen kann. Lins tanzt, was sie hört. Daher improvisierte sie schließlich eine Antwort auf die Wortbeiträge.
Ulrich Neugebauer, der die 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Berliner Kältehilfe koordiniert. „Ich bin froh, dass der Winter vorbei ist!“, erzählte er. Allerdings sei das Hauptanliegen der Kältehilfe, Menschen nachhaltig zu helfen. „Die Situation der wohnungslosen Menschen in Berlin hat sich dramastisch verändert. 80 % der Gäste bei 35 000 Übernachtungen im vergangenen Winter, hätten keinen Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Die Moderatorin des Abends staunte, dass in der Kältehilfe die Mitarbeiter den Gästen die Füße waschen. Die Mitarbeiterin, die diesen Dienst angeregt hatte berichtete später: „Nie habe ich ein so tiefes seelsorgerliches Gespräch geführt, wie in den 20 Minuten, in denen die Füße im Seifenwasser standen.“ Neugebauer berichtete vor dem aufmerksamen Publikum: „Mich motiviert, dass unsere Gäste Gottes Liebe mit Wort und Tat erfahren.“ Die Kältehilfe der Berliner Stadtmission ist, so Andrea Schneider „ein Ort der Barmherzigkeit“.
Das Thema Glaube und Heilung löste bei den Interviewpartnern unterschiedliche Reaktionen aus: Die Mutter von Hannes betet nicht um Heilung. Stattdessen wünscht sie sich vor allem, dass er weiter ein fröhliches Kind bleibt. Bern Hock ist dankbar, dass er leben darf und bedauert, dass Menschen wie er heute nur noch eine sechsprozentige Chance haben, nicht abgetrieben zu werden. Der Kältehilfekoordinator meint, er könne die Arbeit mit den Gästen nicht tun, ohne Kraft von oben. „Ich glaube, dass Gott uns schenkt, mit Freude und Lust bei der Arbeit zu sein.“ Die Präventologin hat erfahren, dass Freunde nach biblischem Vorbild für sie gebetet und sie gesalbt hatten. „Dass es heiles Leben geben kann in einem nicht unversehrten Körper, muss in die Gesellschaft hineingetragen werden“, resümierte Bernd Hock und ernte spontanen Applaus.
„Wir sind dazu da, die Liebe Gottes weiterzugeben“ sang der Chor unter Leitung von Kerstin Prause schließlich zum Abschluss. Zu ihrer Motivation meinte sie: „Ich habe den Chor gegründet, um Menschen von Jesus zu erzählen. Es ist ein Menschenrecht, dass alle Menschen erfahren, dass Gott sie liebt.“ Seitdem sie 32 Jahre alt ist, lebt die Mutter von vier Kindern mit einer Querschnittlähmung. Dass sie fast immer unter starken Schmerzen leidet, ist für die Chorleiterin keine Frage mehr. Sie habe zu Gott gesagt: „So wie es ist, ist es im Ordnung, aber du musst mir helfen.“
Die Fenster zum Leben, die der Abend aufgestoßen hat gaben den Blick frei auf ein Leben in Freiheit.
Der 3. Christliche Gesundheitskongress widmet sich in diesem Jahr vor allem der Begleitung von Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen. Damit greift er die aktuelle Debatte auf, Behinderte und Nichtbehinderte gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen.
Frank Fornacon